Kurzstudie zur Lage der Nation

Die am häufigsten gestellten Fragen von Journalisten und Wissenschaftlern die das betahaus besuchen lauten: Wer arbeitet im betahaus?, Können die von ihren Jobs leben?, Sind sie krankenversichert? Zahlen sie in die Rentenkasse ein? Ist das eine Vorübergehende Erscheinung? Was ist das Durchschnittsalter?

Weil das ein interessantes Thema ist und wir diesen Fragen einmal selbst auf den Grund gehen wollten, haben wir eine kleine Kurzstudie durchgeführt und wollen diese heute vorstellen. Bevor es in den kleinen Exkurs zur sozialen Absicherung der Menschen im betahaus geht, vorher aber eine große Danksagung an alle Teilnehmer und vor allen Dingen an Peter Bihr ohne dessen Beharrlichkeit und analytischem Sachverstand die Kugel nicht so entspannt und doch präzise ins Ziel gerollt wäre.

Aus Vorwort und Zusammenfassung:

Der Arbeitsmarkt befindet sich im Umbruch. Beschäftigungsverhältnisse werden kürzer, die Zahl der Soloselbständigen wächst: “Weniger als zwei Drittel aller Erwerbstätigen in Deutschland haben noch einen Normaljob, der voll sozialversicherungspflichtig und unbefristet ist” (Spiegel 12/2010). Arbeitsverhältnisse sind heute in der Regel flexibler und unsicherer angelegt als noch vor 20 Jahren.

Vor diesem Hintergrund gibt es zahlreiche Spekulationen über die Einkommensverhältnisse und die soziale Absicherung dieser neuen Art von Selbständigen. Befindet sich eine ganze Generation auf dem Weg in ein dauerhafte prekäre Lebenssituation oder ist lediglich eine Übergangslösung?

Die modernen Wissensarbeiter jenseits der Festanstellung tragen viele Namen: Digitale Bohème, Soloselbständige, urbane Penner. In diesen Namen steckt Wertung. Wir möchten einen Blick hinter diese Wertungen werfen und das Augenmerk auf die Faktenlage richten. Dabei zeigt sich auch, dass diese Laptoparbeiter zwar womöglich auf den ersten Blick durchaus wie eine einheitliche Masse wirken mögen, aber durchaus als diverse und heterogene Gruppe betrachtet werden sollten.

Wollte man einen durchschnittlichen Betahaus-Bewohner aus dem Mittelwert der Erhebungsdaten ermitteln, so wäre er männlich, 25-35 Jahre alt, selbständig und arbeitet Vollzeit. Er hat eine Kranken-, aber keine Rentenversicherung und ist auch ansonsten kaum versichert, fühlt sich aber ausreichend sozial und finanziell abgesichert. Er wünscht sich vom Staat weniger Bürokratie, flexiblere Unterstützung und weniger Benachteiligung gegenüber Festangestellten. Aber gerade auch die “statistischen Ausreißer” finden im Betahaus ein Zuhause, ob prekärer Postgraduierter, wohlverdienender Startup-Gründer oder Festangestellter mit akuter Büroflucht, der einen Ausweichsarbeitsplatz sucht.

Ein besonderes Augenmerk haben wir bei der Befragung auf die soziale und finanzielle Absicherung gelegt. Hier ergeben sich bemerkenswerte und teilweise alarmierende Ergebnisse: Nur rund 40 Prozent der Befragten sind rundum versichert, haben also Kranken-, Renten- und mindestens eine weitere relevante Versicherung (Berufsunfähigkeitsversicherung, private Zusatzrente oder Lebensversicherung). Dennoch fühlt sich mehr als die Hälfte finanziell und sozial abgesichert.

Gefragt nach ihrer Vorstellung eines optimalen Sozialsystems drückten die Befragten Kritik an den sozialen Sicherungssystemen Deutschlands aus und formulierten Wünsche an die Politik: Selbständige werden gegenüber Festangestellten strukturell benachteiligt, hier wünschen sich die Betahäusler Abhilfe. Dazu gehört Bürokratie- Abbau ebenso wie mehr Flexibilität im Sozialversicherungssystem: flexible Beitragssätze, Ausstiegs- und Änderungsoptionen bei den Sozialversicherungen, unbürokratische Hilfen zum Überbrücken temporärer Krisen oder Akquisephasen. Auch der Wunsch nach leichterem Wechsel zwischen Festanstellung und Selbständigkeit wurde ausgedrückt, besonders im Hinblick auf Renten- und Krankenversicherung. Als mögliche Mittel wurden unkomplizierte Mikrokredite oder effizientere Gründerförderung vorgeschlagen. Besonders schwer haben es junge selbständige Eltern, da die geltenden Elterngeldregelung auf Festanstellungen zielen.

Für die Leseratten die gesamte Studie als Download.

Viel Spaß beim Lesen! Wir freuen uns auf Feedback!

Read Next


Comments

  1. Das deckt sich mit Erfahrungen aus meinem Umfeld.
    Freuen wir uns also auf die gemeinsame Altersarmut!

    Reply
  2. für einen, der von drinnen nach drinnen guckt, nicht sehr überraschend, aber trotzdem interessant. Danke

    Reply
  3. Vielen Dank für die Erhebung Peter & Christoph!

    Reply
  4. …. Zeit, dass wir etwas ändern ;-)

    Reply

Leave a Reply

Yay! You‘ve decided to leave a comment. That‘s fantastic! Please keep in mind that comments are moderated and rel=“nofollow“ is in use. So, please do not use a spammy keyword or a domain as your name, or else it will be deleted. Let‘s have a personal and meaningful conversation instead. Thanks for dropping by!